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Der Gemischtwarenladen ist von gestern

05.01.2018, Von Anneliese Lieb

Frank Schweizer spricht im Interview über die notwendige Neuorientierung im Einzelhandel und die Situation in Nürtingen

Immer mehr Läden in der Nürtinger Innenstadt müssen schließen. Gründe sind teilweise zu hohe Mieten und die wachsende Konkurrenz aus dem Onlinehandel. Einer, der dieser Entwicklung trotzt, ist Frank Schweizer. Der Einzelhändler betreibt in Nürtingen drei gut gehende Modegeschäfte und sorgt damit in der Innenstadt für Belebung.

Frank Schweizer hat in Nürtingen drei Modegeschäfte. Mit innovativen Ideen versucht er seine Kunden anzusprechen. Erst vor wenigen Wochen hat er den „More & More Store“ umgestaltet und neu eröffnet. Im Interview beleuchtet er die Situation des Einzelhandels in Nürtingen.

NÜRTINGEN. Wir sprachen mit Frank Schweizer über die Entwicklung in der Nürtinger Innenstadt und wollten vom stellvertretenden Vorsitzenden des Werberings wissen, ob sich der Einzelhandel in Nürtingen neu positionieren muss.

Herr Schweizer, andere Geschäfte schließen und Sie bauen um und eröffnen neu. Läuft es bei Ihnen besser als bei Kollegen oder haben Sie ein Patentrezept?

Ob es bei mir besser läuft oder schlechter als bei den Kollegen vermag ich nicht zu sagen. Über konkrete Zahlen sprechen wir nicht. Aber wenn ich merke, dass es bei mir an der einen oder anderen Stelle nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, reagiere ich, um die Situation zu verändern. Ich glaube, das machen andere Kollegen auch. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich nur bei mir etwas bewegt.

Und wie gehen Sie notwendige Veränderungen an?

Wir brauchen individuelle Konzepte mit klar definierten Zielgruppen und müssen die auch ansprechen. Das fängt bei der Werbung an und geht beim Schaufenster weiter. Und ganz wichtig sind unsere Mitarbeiter.

Muss man heute ein breites Sortiment haben oder sich auf einzelne Bereiche konzentrieren?

Der Gemischtwarenladen funktioniert nicht mehr. Man muss sich auf seine Stärken fokussieren. Die Personalisierung ist heute ganz wichtig. Als Inhaber muss man präsent sein und die Mitarbeiter müssen nah am Kunden dran sein. Die Wohlfühlatmosphäre im Geschäft ist ganz wichtig. Die versuche ich zum Beispiel mit einer Lounge zu schaffen. Dort gibt es Wasser, Kaffee oder Prosecco für die Besucher.

Holen Sie sich auch Tipps von außen?

Ja klar. Ich habe kürzlich einen Vortrag eines Experten besucht, der betonte, dass es künftig nicht mehr ausschließlich ums Einkaufen gehe, sondern der Kunde in die Stadt komme, um hier seine Freizeit zu verbringen. Der Verkäufer wird zum besten Freund oder die Verkäuferin zur Freundin. So gibt es in Modefragen Bestätigung, die man im Internet so nicht bekommt. Wenn der Mitarbeiter gute Tipps gibt und Trends vorstellt, dann kommt der Kunde auch wieder.

Sie gelten in der Stadt als innovativer Einzelhändler.

Wichtig für mich ist neben der Werbung in der Zeitung auch die Präsenz in den sozialen Medien wie Facebook, Instagram oder Whatsapp. Wir haben jetzt in jeder Filiale ein I-Pad und wenn meine Mitarbeiter neue Teile auspacken, dann fotografieren sie die Hose oder den Pulli sofort und informieren unsere Kunden in den sozialen Netzwerken. Das ist ein Versuch, mit dem wir den Kunden zeigen wollen, dass es mehr Spaß macht, seine Zeit bei uns im Geschäft zu verbringen als daheim mit der Maus in der Hand im Internet zu surfen. Wichtig sind mir auch Werte wie Herzlichkeit, Professionalisierung und Begeisterung im Umgang mit uns selbst und mit den Kunden. Wir wollen uns und den Kunden magische Momente verschaffen.

Gibt es dafür Beispiele?

Kürzlich hatten wir Kunden von auswärts, die wollten anschließend in Nürtingen noch essen gehen. Sie haben meine Mitarbeiterin nach einem guten Lokal gefragt. Die gab eine Empfehlung, hat im Lokal angerufen und einen Tisch reserviert. Die Leute waren so begeistert, dass sie am nächsten Tag mit ein paar Pralinen vorbeikamen und sich bedankt haben.

Ist der Onlinehandel die große Konkurrenz für den Einzelhandel und welche Rolle spielt er bei Ihnen?

Der Online-Handel ist nur dann Konkurrenz, wenn man sich als Warenverteiler versteht. Wir hingegen wollen dem Kunden eine gute Zeit auf unserer Verkaufsfläche bescheren und ihm ein Einkaufserlebnis bieten.

In verschiedenen Städten in Deutschland gibt es lokale Web-Portale, die mehrere kleine Einzelhändler online präsentieren. Könnte das auch für Nürtingen ein Weg sein?

Wir haben uns damit schon in verschiedenen Gremien beschäftigt. Es gibt aber kein Beispiel einer Kommune, in der es so richtig gut funktioniert. Hier verdient nur der gut, der das Portal betreibt. Für den Händler selbst ist der Aufwand immens und unterm Strich bleibt kaum was hängen. Bei uns kann man sich auf Facebook, Instagram und Whatsapp modische Teile reservieren und wir kommunizieren in diesem Netzwerk mit den Kunden. Das Erlebnis wollen wir unseren Kunden offline im Geschäft bieten.

Sie sind ja auch stellvertretender Werbering-Vorsitzender. Gab es beim Werbering schon konkrete Überlegungen in diese Richtung?

Ja, aber die wurden aus den oben genannten Gründen nicht weiterverfolgt. Wir tendieren eher zu einer Citycard, aber auch hier müssen Kosten und Nutzen genau abgewogen werden. Was sehr gut läuft, ist unser Werbering-Gutschein. Der funktioniert richtig gut, was zeigt, dass die Nürtinger schon gerne lokal einkaufen und schenken. Hier haben wir jedes Jahr Steigerungsraten im zweistelligen Bereich.

Die Stadt versucht einzelne Immobilienbesitzer zur Zusammenarbeit zu bewegen, um dadurch größere Gewerbeflächen zu generieren – ein Erfolgsmodell?

Grundsätzlich finde ich es gut, die Immobilienbesitzer an einen Tisch zu holen und zur Zusammenarbeit zu bewegen. Wichtig ist dabei auch die Frage, wie stelle ich mir meine Stadt in zehn Jahren vor. Muss es noch das x-te Geschäft mit demselben Angebot sein?

Was versprechen Sie sich vom neuen Marketingkonzept, das die Stadt in Auftrag gegeben hat? Könnte die Zusammenarbeit zwischen Handel und Stadt noch besser funktionieren?

Ich bin im Thema noch gar nicht so drin und will zunächst auch den ersten Termin am 18. Januar abwarten. Ganz wichtig ist allerdings, dass Händler, Gastronomen, Immobilienbesitzer und die Stadtverwaltung an einem Strang und in die gleiche Richtung ziehen. Die Zusammenarbeit zwischen Handel und Stadt funktioniert ganz gut. Und da müssen jetzt auch die Immobilienbesitzer noch dazu.

Welche Erwartungen verbinden Sie als Nürtinger Einzelhändler mit 2018?

Ich erwarte, dass es nach wie vor spannend bleibt. Auch durch den Wechsel auf der größten Handelsfläche in Nürtingen verspreche ich mir Aufbruchstimmung. Was ich mir erhoffe, ist eine möglichst kurze Umbauphase, sowohl was das NC angeht als auch in Bezug auf die Erneuerung der Fußgängerzone. Für das NC wünsche ich mir eine schnelle und attraktive Nachbesetzung der leer stehenden Flächen – gerne auch mit Filialisten.

Und was wünschen Sie sich für Nürtingen?

Mein größter Wunsch ist ein Café am Schillerplatz und eins am Lammbrunnen mit Öffnungszeiten an sieben Tagen und 52 Wochen im Jahr. Damit würden wir es tatsächlich schaffen, die Fußgängerzone zu beleben. Wir haben tolle Gastronomen in Nürtingen, aber leider nicht in der Kirchstraße. Mit Gastronomie in der Fußgängerzone würden wir wahnsinnig viel gewinnen. Dann kämen die Menschen auch am Wochenende in die Innenstadt, würden sich die Schaufensterauslagen anschauen und unter der Woche hier