27.04.2018, Von Anneliese Lieb

Interview mit Gudrun Klopfer und Martin Dahl vom Verein Citymarketing über die Innenstadtentwicklung

Die Entscheidung des Nürtinger Gemeinderats, den Ausbau der Fußgängerzone nochmals zu verschieben, ist bei den Nürtinger Geschäftsleuten auf großes Unverständnis gestoßen. Der Verein Citymarketing hat kein Verständnis für diesen Schritt.

Werbering-Vorsitzender Frieder Henzler hat seinen Unmut bereits in der Hauptversammlung zum Ausdruck gebracht. Im Interview mit unserer Zeitung zeigen Martin Dahl, Vorsitzender des Vereins Citymarketing, und Geschäftsführerin Gudrun Klopfer auf, warum sie einen Imageschaden für die Stadt befürchten.

Frau Klopfer, Herr Dahl, Sie stehen an der Spitze des Vereins Citymarketing und organisieren Aktionen zur Belebung der Innenstadt. Wie kam die Entscheidung des Gemeinderats, den zweiten Abschnitt zum Ausbau der Fußgängerzone zu verschieben, bei Ihnen an?

Gudrun Klopfer: Ich war in der Gemeinderatssitzung und war entsetzt. Dass der Tischvorlage mit dem Antrag der SPD einfach zugestimmt wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Der Gemeinderat hat sich aus meiner Sicht gegen die Innenstadt entschieden. Martin Dahl: Es ist unverständlich, dass eine Fußgängerzone in zwei Bauabschnitten saniert wird. Uns ist das aus keiner anderen Stadt bekannt, dass eine Sanierung über Jahre geht.

Hat der Gemeinderat die Prioritäten im Haushaltsplan falsch gesetzt?

Klopfer: Ja. Zunächst ist es eine klare Absage, die Innenstadt attraktiver zu gestalten. Dahl: Für mich ist es keine Frage der Priorität. Der Gemeinderat hat sich für den Ausbau der Fußgängerzone entschieden und dann muss sich der zweite Bauabschnitt logischerweise unmittelbar an den ersten anschließen.

Ab Juni ist ja auch das Kaufhaus Hauber für ein Jahr wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, eine gute Möglichkeit also, in diesem Zeitraum auch den Schillerplatz umzubauen?

Klopfer: Das Kaufhaus Hauber schließt zum 31. Juli und ab September könnte Nanz-Immobilien mit dem NC-Umbau und der Neugestaltung beginnen. Gespräche mit Ankermietern laufen – wobei auch in diesen Gesprächen die Attraktivität immer ein Thema ist und eine sanierte Fußgängerzone entscheidend ist.

Der Verein Citymarketing und der Werbering haben eine gemeinsame Anzeige geschaltet. Was wollten Sie damit bewirken?

Klopfer: Mit unserer Anzeige in der Nürtinger Zeitung wollten wir den Gemeinderat aufzeigen und deutlich machen, dass wir den Ausbau weder beerdigen noch verschieben wollen. Dahl: Wir prüfen derzeit, welche Möglichkeiten es gibt, damit der Beschluss wieder aufgehoben werden kann beziehungsweise auf die Tagesordnung kommt. Wir führen auch Gespräche mit den Fraktionen, um aufzuzeigen, dass der rasche Ausbau der Fußgängerzone für die Weiterentwicklung von Nürtingen von immenser Bedeutung ist. Wir hoffen, dass der Gemeinderat die Entscheidung überdenkt.

In der Innenstadt gibt es viele leer stehende Geschäfte. Diese Entwicklung teilt Nürtingen zwar mit anderen Kommunen, aber man darf diesen Negativtrend nicht einfach hinnehmen. Was unternehmen Sie, um die leer stehenden Geschäfte wieder zu beleben?

Klopfer: So traurig es ist, aber wir sind im Hinblick auf den Leerstand in guter Gesellschaft mit anderen Kommunen. Aus Gesprächen mit Kollegen bei der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland (bcsd) weiß ich, dass sich die Entwicklung in puncto Einkaufsverhalten nicht mehr zurückdrehen lässt. Damit Nürtingen als Einkaufsstadt lebendig und zukunftsfähig bleibt, brauchen wir neben dem privat geführten Einzelhandel einen oder mehrere Handelsmagneten. Die benötigen aber größere Flächen und die können wir im Augenblick nicht anbieten.

Es gab doch Bemühungen der Stadtverwaltung, dass sich Immobilienbesitzer zu einer Karreebildung zusammenschließen, um größere Handelsflächen anzubieten?

Klopfer: Ja, die Bemühungen gibt es immer noch. Aber alle Beteiligten unter einen Hut zu bringen ist sehr, sehr mühsam. Außerdem ist es inzwischen schwieriger geworden, Filialisten wie Marc O’Polo, H&M, Zara oder Mango und Depot Drogerie dm für einen Standort zu gewinnen.

Im Gemeinderat haben Sie vor etlichen Monaten darüber berichtet, dass die Immobilienbesitzer leider nicht immer mitziehen. Wo liegt das Problem?

Klopfer: Wir haben mit den Besitzern leer stehender Geschäfte eine ganze Reihe an Gesprächen geführt und viele Interessenten, die eine Bereicherung zur Belebung der Innenstadt gewesen wären, vermittelt. Wir können aber nur den Kontakt herstellen. Bei den Gesprächen zwischen Vermieter und Mieter sind wir nicht dabei. Wir haben keinen Einfluss auf die Vertragsgestaltung und die Höhe der Ladenmiete. Wir können nur beratend auftreten. Dahl: Der Leerstand in Nürtingen ist zum größten Teil in Privatbesitz. Als Citymarketingverein haben wir keinerlei Einwirkungsmöglichkeit auf die Höhe der Miete, auf Mieter oder Öffnungszeiten. Wir können nur beraten. Eine Überlegung wäre vielleicht auch, dass die Stadt als Käufer auftritt, um dann größere Handelsflächen zu schaffen. Vielleicht muss die Stadt auch Einfluss auf Nutzungsänderungen nehmen.

Es gibt auch Bemühungen der Stadt, Quartiere neu zu beleben, um größere Einkaufsflächen zu schaffen. Wie weit sind diese Entwicklungen gediehen?

Klopfer: Im Bereich der Apothekerstraße wurde eine Karreebildung angestoßen. Und vielleicht hat uns hier auch der Workshop mit der Gruppe drei von Professor Doderer ein Stück weitergebracht. Man hatte den Eindruck, dass ein gewisser Aha-Effekt eingetreten ist und mancher Immobilienbesitzer zum Nachdenken angeregt wurde. Dahl: Sehr bedauerlich finde ich, dass wir in Nürtingen Leerstände haben, die Immobilienbesitzer jedoch immer wieder betonen, wie sehr ihnen die Entwicklung von Nürtingen am Herzen liegt. Wenn es aber Interessenten gibt, die den Laden mieten und zur Belebung der Innenstadt beitragen wollen, dann ist man nicht bereit, die Mietforderungen zu senken. Klopfer: Mancher Immobilienbesitzer in Nürtingen erwartet immer noch Mieten, wie sie in größeren Städten oder in Städten mit einem deutlich größeren Einzugsgebiet bezahlt werden. Nürtingen hat und hatte schon immer eine Sandwich-Position was das Einzugsgebiet für Handel und Einkaufen betrifft.

Schauen wir nach vorne. Welche Aktivitäten planen der Verein Citymarketing und der Werbering, um mit Aktionen zur Belebung der Innenstadt beizutragen?

Klopfer: „Shoppen und Schlemmen“ ist unsere nächste gemeinsame Veranstaltung am Freitag, 11. Mai. Wir wollen den Kunden in der Innenstadt mit Schlemmerständen und Aktivitäten wie Kistenstapeln oder einem Feuerwerk zum Bummeln und Genießen nach Nürtingen einladen. Und an den Samstagen im Juli wollen wir mit der Veranstaltungsreihe „Nürtingen klingt gut“ wieder zur Belebung der Innenstadt beim samstäglichen Einkauf beitragen. Dahl: Das Abschluss-Event bei „Shoppen und Schlemmen“ ist diesmal um Mitternacht auf dem Platz vor der Nürtinger Stadthalle K3N. Es lohnt sich für die Besucherinnen und Besucher auf jeden Fall, bis zum Schluss dabei zu sein. Wir haben ein besonderes Feuerwerk geplant.