27.11.2019 05:30, Von Anneliese Lieb — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Im Rückblick auf die ersten hundert Tage im Amt zieht der Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich eine positive Bilanz

Im August hat Dr. Johannes Fridrich sein Amt als Nürtinger Oberbürgermeister angetreten. Die ersten 100 Tage als Chef der Stadtverwaltung liegen hinter ihm. Seine neue Aufgabe ist vielfältig. Demnächst hält der 42-jährige Jurist im Gemeinderat seine erste Haushaltsrede. Im Interview wollten wir auch von ihm wissen, wo er 2020 die Schwerpunkte setzen möchte.

Seit mehr als 100 Tagen ist Johannes Fridrich Oberbürgermeister in Nürtingen. Im Interview zieht er eine erste Bilanz. Foto: Holzwarth

Herr Fridrich, die ersten 100 Tage als Nürtinger Oberbürgermeister liegen hinter Ihnen. Haben Sie die Kandidatur schon bereut?

Keine Sekunde. Ich kann mir keine schönere Aufgabe vorstellen, als unser Nürtingen mit dem großen Potenzial zu gestalten. Auch meine Frau hat es noch keine Sekunde bereut. Sie hält mir den Rücken frei. Nur so im Team kann das funktionieren.

Sie haben gleich von Anfang an ein hohes Arbeitstempo vorgelegt. Wann beginnen Ihre Arbeitstage und wann enden sie?

Mein Arbeitstag beginnt beim Frühstück mit dem Lesen der NZ-Onlineausgabe. Ich stehe gegen 6.30 Uhr auf und schaue dann auch gleich nach den Mails. Ins Büro gehe ich in der Regel gegen 8 Uhr. Meist habe ich den ganzen Tag Termine. Der Kalender bis Weihnachten ist randvoll. Da gibt es keinen einzigen freien Abend. Sehr oft komme ich spät heim. Nach der letzten Gemeinderatssitzung mit Nachsitzung wurde es nach Mitternacht. Wenn ich zu Hause bin, bediene ich meistens noch die sozialen Netzwerke Facebook und Instagram. Neben den Terminen auswärts oder im Rathaus brauche ich auch Zeit, um mich zum Beispiel auf Sitzungen vorzubereiten. Ein Ziel für 2020 ist: auch wieder mehr Zeit fürs Private und für den Sport zu haben. Derzeit funktioniert das noch nicht so gut.

Was unterscheidet das Amt des Pressesprechers am Landgericht von dem des Nürtinger Oberbürgermeisters?

Das Amt des Nürtinger Oberbürgermeisters ist vielseitiger. Man ist Feuerwehrmann, Manager mit Personalverantwortung, Förster oder Erzieher. Neulich war ich bei einer Familie, um sie zum siebten Kind zu beglückwünschen. Von der Geburt bis zum Sterbebett ist man mit allem konfrontiert, was die Menschen betrifft. Und diese Vielseitigkeit ist es auch, die das Amt so spannend macht und für große Zufriedenheit sorgt. Auch meinen Richterberuf musste ich nicht ganz an den Nagel hängen. Im Rathaus muss ich jeden Tag Entscheidungen treffen. Auch innerhalb der Verwaltung muss man Streitschlichter und Moderator sein, um im Team gute Entscheidungen zu treffen.

Was hat Ihnen im Amt des Nürtinger Oberbürgermeisters bisher am meisten gefallen?

Das Miteinander zwischen Verwaltung, Gemeinderat und Bürgern. Man hat eine Idee, Beispiel Stadtputzete, und alle schaffen mit und setzen sie um. Das hat im Kleinen gut funktioniert. Jetzt müssen wir schauen, dass wir diesen Schwung auch auf große Vorhaben übertragen können. Etwa auf das Zukunftsprojekt Bahnstadt.

Was waren unangenehme Eindrücke?

Direkt unangenehm war bisher nichts. Aber es gibt viele Herausforderungen, zum Beispiel Strukturen zu verändern. Es ist in der Vergangenheit nicht alles perfekt gelaufen. Stichwort Bauen. Wir müssen effektiver werden. Dazu ist es notwendig, auch innerhalb der Verwaltung Strukturen zu verändern. Wir müssen nicht nur Planungen erstellen, sondern diese auch umsetzen. Ich weiß, das sind Dinge, die können wir nicht von heute auf morgen ändern. Das muss nach und nach passieren.

Wie wollen Sie Veränderungen angehen?

Auf der Klausurtagung haben wir schon damit begonnen, ein neues Miteinander zu schaffen, das muss sich in der Praxis nun bewähren. Wir müssen schlaue Kompromisse finden, anstatt auf Konfrontation zu gehen und wichtig: Die geschlossenen Kompromisse müssen dann auch halten, wenn Gegenwind kommt. Eine große Baustelle ist die Gebäudewirtschaft Nürtingen (GWN). Hier sind wir dabei, neue Strukturen zu schaffen, um dann auch im Hochbau Vorhaben mit dem Eigenbetrieb umsetzen zu können. Mit dem vorhandenen Personal ist das, was wir geplant haben, unmöglich zu schaffen. Hier müssen wir uns ehrlich machen! Des Weiteren müssen wir bei den Bürgeranliegen den Dienstleistungscharakter innerhalb der Verwaltung weiter stärken.

Welche Note geben Sie Ihrer „100 Taten in 100 Tagen“-Aktion?

Ich bin zwar Lehrerkind, verteile aber keine Noten. Aber ich bin sehr, sehr zufrieden. Annelie Frantz vom Amt 13 (Stadtmarketing, Wirtschaft und Tourismus) hat diese Liste Tag für Tag vorangetrieben. Auch die Stadtwerke und der Bauhof haben tatkräftig mitgeholfen. Sie waren große Partner, dafür bin ich sehr dankbar. Wir konnten durch diese tatkräftige Unterstützung schon vieles realisieren. Auch Dinge, bei denen ich am Anfang gar nicht gedacht habe, dass sie funktionieren könnten. Die Bandbreite reicht vom Wickeltisch über neue Mülleimer und Straßenlaternen bis zu Insektenhotels. Über 50 Taten wurden realisiert. Weitere sind in der Umsetzung. Wie zum Beispiel Eltern-Kind-Parkplätze und eine Spielecke im Rathaus. Auf dem Spielplatz in der Stadtmitte sollen eine Schaukel und eine Rutsche und Lehnen für die Bank installiert werden.

Ist ein Ende der Aktion in Sicht?

Die Stadtputzete war natürlich ein fulminanter Schlusspunkt, allerdings werden auch zukünftig einzelne Taten umgesetzt. Aber insgesamt möchte ich dem ganzen Team Rathaus ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Die Aktion kam bei der Bevölkerung sehr gut an, weil wir schnell in die Umsetzung gekommen sind.

Gibt es Punkte, mit denen Sie noch nicht zufrieden sind?

Ein großes Thema war neben dem Müll, bei dem wir viel umsetzen konnten, auch der Verkehr. So habe ich bereits im August den Verkehrsrechner unter die Lupe genommen. Bei den Anregungen ging es zum Beispiel um mehr grüne Pfeile und um nächtliche Ampelabschaltungen. Wir haben gemeinsam Vorschläge erarbeitet, um den Verkehrsfluss zu optimieren. Doch bevor es in die Umsetzungsphase geht, muss die Verkehrsschau entscheiden. Die hat stattgefunden und etliche Vorschläge wurden aus Sicherheitsgründen wieder einkassiert. Manche Verbesserung, wie Fahrbahnmarkierungen, gingen durch. Alle Anregungen von Bürgern wurden bearbeitet und geprüft.

IBA’27 und Landesgartenschau-Bewerbung. Zwei bedeutende Zukunftsprojekte für Nürtingen. Welche Hoffnungen und Erwartungen verbinden Sie damit?

Wir müssen modern und zukunftsorientiert sein. Das verbindet man mit den zwei Projekten, der Laga-Bewerbung und dem IBA-Projekt Bahnstadt. Wir haben in Nürtingen mit unseren Stadteingängen ein Problem. Ganz besonders mit dem Bahnhofsgelände, aber auch mit dem Neckar, unserer Schokoladenseite mit dem potenziellen Stadtbalkon. Gerade an der Schauseite stört der Verkehr. Solange die Autos dort fahren, kann man das Neckarufer nicht erleben und es stellt sich kein Wohlfühl-Gefühl ein. Diese Entrees müssen wir attraktiver gestalten. Die Laga hilft uns, die Innenstadt und den Galgenberg an den Neckar anzubinden, die IBA’27 gibt Impulse für das Bahnhofsgelände

Wo sehen Sie noch Potenzial in Nürtingen?

Die Lage der Stadt ist wunderschön am Fuße der Schwäbischen Alb. Wir haben mit dem Neckar einen Fluss, direkt an der Stadt, den wir erlebbar machen müssen. Außerdem will ich mich dafür einsetzen, dass wir ab 2026 einen SBahnanschluss haben. Dann hätten wir – auch durch die Flughafenanbindung im Rahmen von S 21 – eine sehr gute Verkehrsanbindung in die Metropolregion Stuttgart. Nürtingen hat wirklich wahnsinnig viel Potenzial – wir machen bisher einfach zu wenig daraus. Für mich ist Nürtingen noch ein ungeschliffener Rohdiamant. Daraus ein Schmuckstück zu machen muss unser Ziel sein.

Die Konkurrenz bei der Laga-Bewerbung ist groß. Wo sehen Sie die Pluspunkte für Nürtingen?

Es gibt kaum eine Stadt, die so wenig aus ihrem Fluss macht und es gibt kaum eine Stadt, die solche Flächen noch zur Verfügung hat und dann noch gleichzeitig den Hochwasserschutz regeln kann. Weiterer Pluspunkt für Nürtingen: Mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt haben wir ein Alleinstellungsmerkmal. Zwölf Studiengänge, angefangen von der Landschaftsarchitektur über die Stadtplanung bis hin zu Mobilität und Nachhaltigkeit sind dabei. Das ist eine ganz große Chance. Ich freue mich, dass Rektor Professor Frey mit uns an einem Strang zieht. Und der dritte Punkt, der mich sehr hoffnungsfroh macht: Die Bevölkerung, der Gemeinderat und der Oberbürgermeister stehen 150-prozentig hinter der Bewerbung.

In wenigen Wochen diskutiert der Gemeinderat über den Haushalt 2020 der Stadt Nürtingen. Haben Sie Ihre Rede zur Einbringung des Etats schon geschrieben?

Gut, dass Sie mich daran erinnern (lacht), das mache ich am kommenden Wochenende. Wir haben das Thema ausführlich diskutiert in einer Haushalts-Sondersitzung. Die Eckpunkte stehen fest – aber geschrieben ist die Rede noch nicht.

Wo liegen für Sie die Schwerpunkte? Was sind 2020 für Sie die wichtigsten Themen in Nürtingen?

Die Schwerpunkte im Etat 2020 liegen bei den Pflichtaufgaben. Das sind die Kita und die Schulsanierung. Einen weiteren Schwerpunkt sehe ich beim Thema Bauen. Wir müssen die Bahnstadt und die Bergäcker vorantreiben. Um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, müssen wir dringend die Strukturen in der Verwaltung unter die Lupe nehmen, damit wir weniger Reibungsverluste haben und die Zahnräder noch besser ineinandergreifen. Etwa zwischen Liegenschaftsamt, Stadtplanung und GWN. Bei der Einwohnerversammlung am 27. Januar werde ich auf all die Punkte, die ich im Jahr 2020 anpacken und umsetzen möchte, eingehen. Und an diesem Programm werde ich mich auch messen lassen. Außerdem werden Klimawandel und Nachhaltigkeit eine Querschnittsaufgabe sein. Das sehe ich aber nicht nur als Thema der Verwaltung, sondern der gesamten Bevölkerung.

Kommen da auch die Fridays-for-Future-Forderungen ins Spiel?

Ja natürlich, die Liste, die mir bei der ersten Demo überreicht wurde, hängt in meinem Amtszimmer in Sichtweite von meinem Schreibtisch. Derzeit werden die Fridays-for-Future-Forderungen auf ihre Umsetzung hin geprüft und voraussichtlich im Januar im Gemeinderat besprochen.

Mit den genannten Punkten und dem was sonst noch ansteht wartet ein großer Aufgabenkatalog auf Sie. Hoffentlich bleibt da noch Zeit fürs Private?

Dafür wird meine Frau Astrid schon sorgen.